Abschied vom W12

Bentley Batur: So fahren 2,3 Millionen

18 Exemplare gebaut und zum bescheidenen Preis von rund 2,3 Millionen Franken – pro Stück wohlgemerkt – an den Mann oder die Frau gebracht: Wir machen exklusiv Bekanntschaft mit dem Bentley Mulliner Batur.

Veröffentlicht am 01.10.2023

Im Schnitt regnet es vier Tage im Jahr auf Teneriffa. Zwei davon bescherte uns der liebe Gott anlässlich der Testfahrt des Bentley Muliner Batur. Das Millionen-Dollar-­Baby musste also wettermässig unten durch. Erst recht, da uns die Wassermassen zusätzlich riesige Felsbrocken auf die Strasse rollten. Unangenehm. Doch dazu später mehr.

Schleichender Abschied


Der Continental GT schimmert noch sanft durch, für sich genommen ist der Batur so eigenständig wie nur möglich.

Nur 18 Exemplare baut Bentley vom Batur – grösstenteils von Hand. Und die gingen weg wie warme Weggli. Innert Stunden nach der Bekanntmachung waren alle reserviert. Klar, wer den auf zwölf Modelle limitierten, offenen Bacalar hat, will natürlich auf den Batur nicht verzichten. Die Portokasse muss also mal wieder bluten. Bauzeit pro Modell: rund vier Monate. Der letzte soll Ende 2024 an den Besitzer übergeben werden. Benannt nach dem 1717 Meter hohen Schichtvulkan und dem dazugehörigen Kratersee auf Bali nimmt der Brite die Designsprache kommender Bentleys vorweg. Von 2026 an wollen sie in jedem Jahr ein neues Elektromodell auf den Markt bringen. 2030 ist die Marke dann vollelektrisch. Dabei nutzt man die Premium Plattform Electric (PPE) von Audi und Porsche.

Grösstmögliche Individualität


Bei exklusiven Lackierungen hören die Konfigurationsmöglichkeiten bei Bentley Mulliner noch lange nicht auf.

So weit, so gut. Zurück zum Batur. Rund 4,5 Billionen Konfigurationsmöglichkeiten stehen für den Käufer bereit, um seinem Schatz zusammen mit einem Designer ein individuelles Make-up verpassen zu können. Wie eine solche Masskonfiguration bei Bentley vonstatten geht, lesen Sie hier. Statt aus dem Bentley-typischen Vieraugen-­Gesicht kneift der Batur die Augen zu. Und unter dem steiler stehenden Kühlergrill scheint die Form des darunterliegenden Luftfanggitters die Konkurrenz auszulachen. In den breit ausgestellten Radhäusern, dem ausfahrbaren Heck­spoiler sowie den ebenfalls schmalen Heckleuchten und dem Akrapovic-Titan­auspuff findet das dynamische Outfit dann seine Vollendung.

Gold oder Karbon, was darf es sein?

Da gibt es nur 18 Batur weltweit, und dann hat der Nachbar auch einen.

Im Interieur geht es vertraut zu und her. Karbon, so weit das Auge reicht. Kein Wunder ist der Batur rund 40 Kilogramm leichter als der GT Speed. Im Cockpit wird die Digitalisierung zur grössten Nebensache der Welt. Bis auf das Cockpit und den Touchscreen wird alles analog bedient. Die Drehschalter zieren noch scharfe Kanten. An ihnen könnte man sich problemlos die Fingernägel feilen. Doch, wie Mulliner-Technikchef Paul Williams garantiert, wird man das nochmals nachbessern. Wer will, kann den aus dem 3-D-Drucker stammenden Fahrmodi-Drehschalter auch in 18 karätigem Gold ordern. Nettes Gimmick: Auf Knopfdruck dreht sich der Touchscreen vornehm nach hinten weg und macht drei weiteren Rundin­strumenten, die jetzt auf der cleanen Armaturentafel thronen, Platz.

Bentley Continental GTC Speed: Test im knallpinken W12-Cabrio

Klar, dass natürlich auch eine standesgemässe Soundberieselung nicht fehlen darf. Das übernehmen 22 handgemachte Focal-Lautsprecher – zwei davon sind in den beiden Sitzen verbaut. Angesteuert wird die Soundmaschine von einer Naim-Hi-Fi-Anlage. Verzichten musss man allerdings auf die Notbestuhlung hinter den Vordersitzen. Stattdessen kann dieser Platz für zusätzliches Gepäck genutzt werden. Im erstaunlich grossen 355-Liter-Kofferraum finden unterdessen weitere Sport- oder Golfbags ihren Platz – oder das extra für den Batur konzipierte Bentley-Gepäckset.

Stärkster W12

Auf der anfänglich noch trockenen Ausfahrt hinterlässt der Mulliner einen souveränen Eindruck. Dazu hat man das Auslaufmodell des Zwölfzylinders nochmals mächtig nachgebessert. Die überarbeiteten Turbolader, ein neuer Ansaugtrakt, grössere Ladeluftkühler und die neue Motorelektronik zeigen ihre Wirkung. Sie verhelfen dem Sechsliter zu 750 PS und 1000 Nm. Damit stösst er das bislang kräftigste Bentley-­Aggregat, das im 659 PS starken Continental GT, vom Thron. Den Königssprint auf 100 km/h soll das rund 2,2 Tonnen schwere Coupé in unter 3,4 Sekunden absolvieren und seine Höchstgeschwindigkeit bei 337 km/h erreichen. Testen konnten wir das nicht, da sich beim Anstieg gen Pico del Teide, die mit 3715 Metern höchste Erhebung Teneriffas, das Wetter weiter und weiter verschlechterte.


Hochkonzentriert: Fussballgrossen Gesteinsbrocken auszuweichen, macht bei einem Wert von weit über zwei Millionen besonders wenig Spass.

Auf der kurvigen Passstrasse zeigt der Batur dennoch, was in ihm steckt. Direkt und zackig meistert der Allradler im Sportmodus dank Hinterachslenkung, elektrischem Sperrdifferenzial (eLSD) und blitzschnell agierender 48-Volt-Wankstabilisierung die einzelnen Kehren. Auch die bewährte Dreikammer-Luftfeder kommt im Batur zum Einsatz. So verliert er trotz der mächtigen 22-Zöller und des immer feuchter werdenden Untergrunds nicht die Haftung. Selbst als die Testfahrt zum wahren Felsslalom mutiert, wahrt er die Haltung. So lange, bis die links und rechts herabstürzenden Felsen zum Umrunden dann doch zu gross sind und wir sie aus dem Weg räumen müssen. Kurz danach ist Schluss mit lustig und man sperrt kurzerhand die Strasse.

Sound-technisch ist der Batur ganz vorne mit dabei. Ein würdiger und sehr trauriger Abschied vom famosen W12.

Auf dem Abstieg heisst es dann aber nochmals, die Kurventempi im Rahmen der Möglichkeiten zu geniessen, bevor wir das Zwei-Millionen-Franken-Baby wieder seinen Entwicklern übergeben müssen und uns mit einer Träne in den Augen vom W12 verabschieden müssen.

Fazit von Jörg Petersen
Tolles Design, prachtvolles Triebwerk. Alles passt prima zusammen. Bleibt nur zu hoffen, dass keines der Exemplare einfach nur in einer Sammlung weggeschlossen wird.

Technische Daten Bentley Muliner Batur

  • Motor: W12-Twin-Turbo
  • Hubraum: 5950 cm3
  • Bohrung × Hub: 84,0 × 89,5 mm
  • Leistung: 552 kW/750 PS bei 5500/min
  • Drehmoment: 1000 Nm bei 1750–5000/min
  • Getriebe: 8-Gang-Automat
  • Antrieb: Allrad
  • Beschleunigung 0–100 km/h / 0-200 km/h: 3,4 s / k. A.
  • Höchstgeschwindigkeit: 337 km/h
  • Leistungsgewicht: 3,0 kg/PS
  • Abmessungen L/B/H: 4902/2227/1390 mm
  • Radstand: 2851 mm
  • Spur v./h.: 1672/1672 mm
  • Reifendimensionen: v. 275/35 R22, h. 315/30 R22
  • Tankinhalt: 90 l
  • Leergewicht: 2233 kg
  • Kofferraumvolumen: 355 l
  • Preis: rund 2'300'000 Franken

Text: Jörg Petersen
Bilder: Bentley

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