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Kia Stinger GT

Der Stachel sitzt tief

Kia macht mit dem Stinger Jagd auf die Premiumklasse. Es sind aber nicht nur die komplette Serienausstattung und der sensationelle Preis, mit denen der Koreaner seinen Stachel tief in die Wunde drückt.

Kia beweist Mut zur Lücke. Mit dem Stinger (zu Deutsch Stachel) stossen die Koreaner erstmals in das Haifischbecken der Premiumklasse vor. Und dieser Schritt will minutiös vorbereitet sein. Nicht weniger als sieben Jahre liessen sich die Teams um Designer Peter Schreyer und den Ex-BMW-M-Motoren-Scharfmacher Albert Biermann Zeit, um dem Stinger zu entsprechender Reife zu verhelfen. Heraus kam ein Gran Turismo, der sein Ziel klar vor Augen hat: den Angriff auf die in diesem Segment längst etablierten Audi S5 und BMW 440i Gran Coupé. Eine grosse Bürde, die man sich auferlegt hat.

Premium durch und durch

Man traut seinen Augen nicht, als der sportlich gezeichnete Kia vorfährt, seinem Namen alle Ehre macht und aus dem Allerlei des Strassenbildes wortwörtlich hervorsticht. Ja, er macht neugierig und zieht die Blicke auf sich. So etwas hätte man Kia wohl als Letztes zugetraut. Doch, sie können es tatsächlich. Und das hört nicht bei der Karosserie auf. So findet sich im Interieur wieder, was dem Anspruch der Premiumklasse gerecht wird. Haptik, Übersicht und Bedienbarkeit stimmen einfach. Nichts gibt Rätsel auf oder muss in umständlichen Untermenüs aufgespürt werden. Okay, die grossen Rundinstrumente könnte man vielleicht noch durch ein virtuelles Cockpit ersetzen, aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

In Sachen Sitzkomfort steht der Koreaner seinen Konkurrenten jedenfalls in nichts nach. So bietet das Gestühl der Vordersitze ordentlichen Seitenhalt und eine nahezu perfekte Ergonomie. Erst recht, da es noch dazu eine für asiatische Fahrzeuge lange Oberschenkelauflage bietet. Das fördert nicht nur den Sitz-, sondern auch den Langstreckenkomfort.Da verkraftet man, dass Grossgewachsene ihre Probleme punkto Kopffreiheit bekommen. Auch das hinter ihren Sitzen der Kofferraum mit 406 bis 1114 Litern Ladevolumen kleiner ist als der der Konkurrenz (BMW 440i: 480–1300 Liter, Audi S5: 480–1300 Liter).

Voll auf der Höhe

Genug der Theorie, hin zur Praxis – dem Fahrverhalten. Wie es sich für ein Flaggschiff der Palette gehört, hat man dem Stinger das stärkste Aggregat implantiert. Gleich vorweg: Mit 370 PS und 510 Nm steht der 3,3-Liter-V6 gut im Saft. Er übertrumpft den BMW-Sechszylinder um 43 PS/60 Nm und den Audi-V6 um 16 PS/10 Nm. Unser Testexemplar wies auf dem Motorenprüfstand zwar zehn PS weniger, dafür aber 37 Nm mehr aus. Genug, um die Vorgabe für die Königsdisziplin 0–100 km/h in den vorgegebenen 4,9 Sekunden zu erledigen.

Gerade bei den Beschleunigungsmessungen erwies sich der Biturbo als sehr agiles Bürschchen. In Kombination mit dem fast ohne Zugkraftunterbrechung arbeitenden Achtgang-Automat reagiert er sehr spontan auf die ihm erteilten Beschleunigungsbefehle. Je nach Wahl der fünf Fahrmodi werden die einzelnen Gänge entsprechend höher ausgedreht. Und wer jetzt noch Lust verspürt, kann die Gänge auch manuell über die Schaltwippen wechseln. Das Einzige, was man vermisst, ist ein sportlicherer Sound. Den haben ihm Konkurrenten voraus – ebenso wie den Mix-Verbrauch von 10,6 l/100 km, der für den 4er-BMW mit 7,4 Litern und für den S5 Audi mit 7,7 l/100 km angegeben wird. Tatsächlich genehmigte sich unser Proband im Mix nur löbliche 9,7 Liter auf 100 Kilometer und auf der sparsam gefahrenen ai-Runde waren es gar nur 8,2 l/100 km.

Sportler und Cruiser

Nichts zu mäkeln gibt es an der Fahrdynamik. Zackig und sehr präzis lenkt der Koreaner ein. Unterstützt wird er dabei vom hecklastig ausgelegten Magna-Allradantrieb. In Verbindung mit den adaptiven Dämpfern ist Fahrspass garantiert, sodass sich die physikalischen Grenzen ins Unermessliche zu verschieben scheinen. Schön, dass das ESP dem Fahrer dabei genügend Freiheiten gewährt, bevor es sanft, aber bestimmend eingreift. Und auch am Geradeauslauf gibt es nichts auszusetzen, sodass der Koreaner dann seine Cruiser-Qualitäten ausspielen kann. Etwas nervig war nur das Heulen der Bridgestone-Winterreifen, die anscheinend nicht so recht zum Stinger passen.

Jörg Petersen sagt

Der Stachel sitzt. Mit dem Stinger hat Kia ein heisses Eisen im Premiumsegment, das in Sachen Fahrdynamik und -verhalten voll auf der Höhe ist. Auch dass Gutes nicht teuer sein muss, stellen die Koreaner eindrücklich unter Beweis.

Stärken

Der durchzugsstarke 3,3-Liter-V6 überzeugt mit Agilität und Durchzugskraft. Beim Fahrverhalten gefällen vor allem die exakte und direkte Lenkung sowie der gute Fahrkomfort. Klasse, dass bis auf die Metallic-Lackierung alles Serie ist.

Schwächen

Ein echter Sportler ist der Stinger nicht. Dazu fehlt es dem Achtgang-Automaten etwas an Spontaneität. Und die auf unserem Testwagen montierten Bridgestone-Winterpneus passen punkto Abrollgeräusch nicht zu dem Gran Turismo.

Bilder: Vesa Eskola

Hinweis: Dieser Test stammt aus der Ausgae 02/2018. Detailliertere Messungen sowie ein Motorendiagramm finden sich im Heft. Die Ausgabe kann hier nachbestellt werden.

Technische Daten

Marke / Modell
Preis Basismodell / Testwagen 59'200 CHF / 60'150 CHF
Motor V6-Zylinder, Biturbo, 3342 cm3
Leistung 272 kW/370 PS bei 6000/min
Drehmoment 510 Nm bei 4500/min
Antrieb 8-Gang Automatik, Allradantrieb
Beschleunigung 0-50 km/h, 0-100 km/h, 0-200 km/ 2,0 s, 4,9 s, 17,2 s
Vmax 270 km/h
Bremsweg min./max. 38,7 m / 41,8 m
NEFZ-Verbrauch 10,6 l/100 km, 244 G/CO2 pro km, Energieeffizienzkategorie G
Test-Verbräuche 9,7 l 100 km (Mix), 8,2 l/100 km (ai-Runde), 11,6 l/100 km (Messungen)
Fahrwerk Vorn McPherson, hinten Mehrlenkerachse
Lenkung Elektrische Servolenkung
Leergewicht 1971 kg
Abmessungen Länge/Breite/Höhe 4830/1870/ 1400 mm, Radstand 2905 mm
Kofferraum 406 -1114 l
Wendekreis 12,3 m
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20 Mai 2018