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Lynk & Co 01 – Um die Ecke denken

Am Schluss ist der Lynk & Co. 01 ein ganz normales Automobil. Aber das Drumherum ist auf jeden Fall sehr interessant.

Veröffentlicht am 05.04.2022

Besitzen war gestern. Gut, man kann sich den ersten Lynk & Co. auch kaufen (ab 35 000 Euro), doch das ist nicht die Idee des Herstellers. Eigentlich wollen die Chinesen ihr Fahrzeug lieber vermieten, 500 Euro im Monat, alles inbegriffen (ausser die Kraftstoffe). Und wenn man bereit ist, sein Fahrzeug auch noch mit anderen zu teilen, dann kann das sogar deutlich weniger werden. Carsharing heisst das dann – und bei Lynk & Co. die Mitgliedschaft in einem ganz speziellen Club.

Ein bisschen Volvo, ein bisschen China: Man sitzt auf recycelten Fischernetzen, auch sonst gibt sich der 01 nachhaltig.

 

 

Wie ein Volvo XC40

Aber beginnen wir doch weiter vorne. Lynk & Co. gehört zum chinesischen Geely-Konzern, genau wie auch Volvo und Polestar. Das erste Modell der Marke kommt dann als technischer Zwilling des Volvo XC40 (mit etwas mehr Radstand), es gibt ihn als Hybrid (180 PS) oder als Plug-in-Hybrid (262 PS Systemleistung). Es gibt ihn nur schwarz oder blau, die Felgen kann man auch noch wählen, ansonsten ist da Vollausstattung. Weil man weniger wählen kann, sei die Logistik deutlich einfacher, deshalb könne man das Fahrzeug auch zu einem günstigeren Preis als die Konzernschwester anbieten. Aber eben, verkaufen wollen die Chinesen eigentlich gar nicht, sondern so nebenbei auch noch die Welt ein bisschen besser machen.

Wie gehabt: Der 01 macht seine Sache mehr als nur anständig.

 

Erfolgsgeschichte

Man kennt das Problem: Die meisten Automobile sind Stehzeuge. Lynk & Co. macht sich nun auf, das zu ändern – der 01 soll von anderen Menschen genutzt werden können, wenn er vom Besitzer/Mieter gerade nicht gebraucht wird. Dafür gibt es ein sehr einfach zu bedienendes Tool auf dem Smartphone. Man wählt sich ein, schaut, ob ein Fahrzeug frei ist, mietet es zu einem bestimmten Preis, bringt es wieder zurück. Ja, aber – nichts aber, sagt der Kopf hinter dem Projekt, David Green (siehe Interview rechts). Auf bisher sieben Märkten funktioniert Lynk & Co. so gut, dass die Chinesen ernsthafte Schwierigkeiten haben, die Nachfrage auch nur so halbwegs befriedigen zu können. Und ernsthafte Rückschläge gibt es bislang noch keine zu vermelden, abgesehen von der Pandemie, die den Markteintritt um fast zwei Jahre verzögert hatte.

Alles anders: Der Scherz ist das Carsharing. Das hilft auch der Umwelt.

 

 

Ein sehr guter Deal

Aussen ist der 01 anders als der XC40, mit den hoch angesetzten Scheinwerfern wirkt er fast ein bisschen kindlich. Innen ist er dem Volvo sehr ähnlich, in der zweiten Reihe gibt es dank mehr Radstand etwas mehr Platz. Das Bediensystem kennt man auch aus dem Schweden, sein chinesischer Bruder hat einfach noch ein paar zusätzliche Funktionen. Doch wer ein Smartphone bedienen kann, der hat auch den Lynk &. Co. problemlos im Griff. Das wirklich bahnbrechende Fahrerlebnis bietet der Wagen nun nicht. Wir hatten das Vergnügen mit dem Plug-in-Hybriden, der bis zu 68 Kilometer rein elektrisch fahren will – das ist immer relativ. Man kommt gut vorwärts, Kraft ist da reichlich, das Fahrwerk ist etwas komfortabler ausgelegt als im Volvo, allzu grosse sportliche Ambitionen sollte man also nicht haben. Doch das ist auch nicht der Anspruch des 01, das Konzept sieht ihn in erster Linie als einigermassen schickes Transportmittel. Das seinen Nutzern auch noch Zugang zu ganz speziellen Clubs ermöglicht, vorerst allerdings nur in Amsterdam und Göteborg. Dort kann man dann in der eh geneigten Community bei Häppchen oder in der Sauna auch noch diskutieren, ob dieses Projekt Sinn ergibt, ob es eine Zukunft haben kann. Wie man es auch betrachtet: Für die Kunden ist der Lynk & Co. auf jeden Fall ein sehr interessanter Deal. Wir fragen uns allerdingsdie nicht ganz uninteressante Frage: Wie funktioniert das Geschäftsmodell der Chinesen – womit oder wie wollen sie Geld verdienen? 

 

«Von Anfang an anders gedacht»

David Green ist der Kopf hinter Lynk & Co. Und er hat noch Visionen. Wir konnten ein Interview mit ihm führen.

Und wann kommt Lynk & Co. in die Schweiz?
David Green: Das kann ich Ihnen im Moment noch nicht sagen. Wir sind selbst überrascht von unserem Erfolg, können nicht so viele Fahrzeuge liefern, wie angefragt werden. Aber ich denke nächstes Jahr.

Wenn nicht an neuen Märkten, woran arbeiten Sie dann derzeit?
Wir werten beständig alle Daten aus. Das hilft uns dabei, die Erfahrung für unsere Kunden ständig zu verbessern. Auch wenn man glaubt, an alles gedacht zu haben – die Realität lehrt uns täglich etwas anderes.

Zum Beispiel?
Wir haben unterschätzt, wie wichtig das Bewertungssystem ist. Alle Kunden sind extrem darauf erpicht, ein gutes Rating zu erhalten – weniger als fünf Sterne ist schon schwierig. Das ist aber auch gut so, das bedeutet, dass alle Fahrzeuge sehr gepflegt bleiben.

Wo sehen Sie die grössten Wachstumschancen?
Selbstverständlich bei den Flotten, da hat sich unser Konzept noch viel zu wenig herumgesprochen. Aber stellen Sie sich einfach vor, wie viel Geld grosse Unternehmen mit vielen Fahrzeugen mit unserem Angebot sparen könnten.

Sie haben keine eigenen Garagen, alles geschieht online. Wer übernimmt den Service?
Das passiert in den Volvo-Vertretungen. Doch wir sind im Moment daran, ganz viele Mitarbeiter auszubilden, die all die Arbeit im Hintergrund machen. Unsere Kunden sollen sich ja um nichts kümmern müssen, keine Versicherungen abschliessen, keine Winterreifen wechseln.

Wird mehr gekauft oder mehr gemietet?
Wir sind überrascht, wie hoch der Anteil an Käufern ist. Damit haben wir nicht gerechnet.

Und warum können Sie so günstig sein?
Bei uns kriegt man vielleicht nicht genau das, was man will – und dafür gibt es einen grossen Rabatt.

 

Fotos: Vesa Eskola
Text: Peter Ruch

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