CHRYSLER TURBINE
Der Düsenjet auf vier Rädern was sich anhört wie eine Erfindung des genialen Kollegen von Donald Duck, ging bei Chrysler 1963 bis 1966 in die Kundenerprobung.
Man nehme das Düsentriebwerk eines Flugzeugs und baue darum herum ein Auto. Nun, so einfach wie in einem Walt Disney-Comic funktioniert so was in der Realität natürlich nicht. Und bei Chrysler sollte die Gasturbine ja auch nicht mit einem gewaltigen Rückstoss die Strasse leerfegen, sondern ihre Kraft zivilisiert und manierlich auf mechanischem Weg auf die Hinterachse übertragen.
Die Vorteile liegen aber auf der Hand: Eine Turbine hat viel weniger bewegliche Teile als ein Kolbenmotor, weniger Reibungsverluste und Vibrationen und damit von Natur aus auch eine längere Lebensdauer. Wir drücken kurz den Startknopf: Summend nimmt die erste Stufe der Gasturbine Drehzahl auf, um nach wenigen Sekunden auf der Leerlaufdrehzahl von 22 000/min einzupendeln.
Die Einlasstemperatur von 1200 °F (ca. 650 °C) zeigt an, dass die Turbine betriebsbereit ist. Wählhebel der Drei- Stufen-Automatik auf «D», und Gas! Mit einer kleinen Verzögerung setzt nun die zweite Stufe der Turbine ein kraftvoll mit 576 Nm aus dem Stand und beschleunigt das über fünf Meter lange Riesencoupé absolut ruck- und vibrationsfrei. Das Summen schwillt an zum Heulen. Das zeitgenössisch weiche US-Fahrwerk sowie die ebenso leichtgängige wie indirekte Servolenkung vermitteln einem wirklich das Gefühl, über die Fahrbahn zu schweben.

Da zwischen dem ersten und zweiten Turbinenrad keine mechanische Verbindung besteht, erübrigt sich ein hydraulischer Drehmomentwandler im Getriebe. Hingegen bedingt die Maximaldrehzahl von 45 700/min astronomische Untersetzungsverhältnisse. Die heissen Gase strömen schliesslich durch zwei rotierende scheibenförmige Wärmetauscher, welche auf der einen Seite dem Abgas die extreme Hitze entziehen und auf der andern die Ansaugluft aufheizen, was die Effi zienz des Triebwerks verbessert. Über zehn Jahre Entwicklungsarbeit und Tausende von Testkilometern mit Prototypen hat Chrysler bereits in das Projekt Gasturbinen-Antrieb gesteckt, bevor 1962 der Entschluss fällt, eine Kleinserie einem Publikumstest zu unterziehen.
Es ist die vierte Generation des Chrysler Turbinentriebwerks. Gravierende Schwachstellen sind bereits behoben. So verbessern zum Beispiel verstellbare Turbinenschaufeln die Reaktion auf Vollgas aus dem Stand von ursprünglich sieben auf unter eineinhalb Sekunden und sorgen beim Gaswegnehmen auch für Motorbremswirkung. In der Folge startet eine breit angelegte Evaluation. Für die Kundenerprobung wird eine möglichst repräsentative Auswahl von Fahrerinnen und Fahrer aus unterschiedlichen Altersklassen, Berufsgruppen und Regionen aller US-Bundesstaaten gesucht. Aus über 30 000 Bewerbungen werden schliesslich 180 Männer und 23 Frauen von Zeit, um kurz die Arbeitsweise der Gasturbine zu erklären: Ein Kompressorrad presst Frischluft in einen Brennraum, hier erfolgt die Einspritzung des Treibstoff s, wobei das Aggregat als eine Art Allesfresser alles verdaut, was brennt und irgendwie durch die Einspritzdüse fl iesst von Kerosin, Diesel über bleifreies Benzin bis zu Lampenpetrol oder Alkohol.
Eine Glühkerze zündet das Gemisch, die heissen Gase wirken nun auf die zwei Turbinenräder, wobei das erste nur den Kompressor antreibt (und somit den auch im Stillstand arbeitenden Gasgenerator bildet). Die zweite Stufe wirkt auf die Kraftübertragung 21 bis 70 Jahren auserkoren, welche jeweils drei Monate lang einen Chrysler Turbine fahren dürfen. Zu diesem Zweck werden zwischen Frühling 1963 und Herbst 1964 exakt 50 mehr oder weniger identische Fahrzeuge aufgebaut, dazu noch fünf Exemplare für die interne Weiterentwicklung.
Die speziell im Turbinenlook gestylte, Bronzemetallic lackierte und reichlich chromverzierte zweitürige Hardtop-Karosserie wird von Ghia aus Turin zugeliefert. Am 29. Oktober 1963 ist es soweit: Das Ehepaar Vlaha aus einer Vorstadt von Chicago übernimmt den ersten Chrysler Turbine. Die Aktion läuft bis am 28. Januar 1966, als Chefsekretärin Patricia Anderson das viersitzige Coupé als letzte zurückgeben muss. Insgesamt haben die 50 Chrysler Turbine während dieser Zeit fast 1,8 Millionen Kilometer zurückgelegt.
Die Resultate sind erfreulich: Nicht nur, dass sich technische Probleme in engen Grenzen halten und grösstenteils auf den einteiligen Starter/Generator beschränken. Die Wartung der Testflotte durch nur fünf fliegende Servicetechniker erweist sich als unkompliziert. Die Standzeiten sinken von anfangs vier gegen ein Prozent. Auch die Kundenreaktionen tönen weitgehend positiv: Kraftentfaltung, Vibrationsfreiheit, Laufruhe und die Unmöglichkeit des Abwürgens werden von den Testkunden ebenso gelobt wie die sofortige Wirksamkeit der Heizung und die Aussicht auf eine vereinfachte Wartung. Auch die Elastizität wird gerühmt, während immerhin ein Drittel der Probanden nach wie vor eine gewisse Anfahrschwäche moniert und ein Viertel mit dem Verbrauch nicht zufrieden ist.
Das führt Chrysler zwar offiziell auf exzessive Demonstrationen des neuartigen Triebwerks im Bekanntenkreis zurück. Tatsache ist jedoch, dass die Turbinen, selbst zu Zeiten der Muscle Cars, vor allem im urbanen Einsatz wahre Spritsäufer sind. Dass das Turbinenprogramm jedoch in der Folge nur noch auf Sparflamme weiterköchelt eine Version des Dodge Charger mit der fünften Generation der Gasturbine wird 1966 gestrichen und Ende der 70er- Jahre endgültig aufgegeben wird, liegt daran, dass die aufkommende Diskussion um NOx-Emissionen zu scharfen Abgasgrenzwerten führt, die mit einer Gasturbine kurzfristig nicht eingehalten werden könnten.
Stattdessen wird die hochkarätige Turbinen-Crew zur Entwicklung schadstoff ärmerer Kolbenmotoren abgezogen. Von den 55 ChryslerTurbine werden 46 verschrottet offiziell, weil sie sonst wegen der in Italien gebauten Karosserie hätten verzollt werden müssen, inoffiziell, damit sie nicht für Drag Race-Einsätze missbraucht würden. Die restlichen neun gehen an Museen und private Sammlungen.
Nun fahren wir eines von fünf noch fahrbaren Exemplaren und schwenken mit abschwellendem Summen in den Parkplatz ein. Wir sind gelandet willkommen zurück aus dem Düsenzeitalter!
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