Was für ein Schlund! Mit sichelförmigen Lufteinlässen scheint das orangefarbene Monster alles zu verschlingen, was sich seinem Vorwärtsdrang in den Weg stellt. Und die Luft wird fein säuberlich zerkleinert von je drei messerartigen Finnen, verdichtet in den Brennräumen des mittschiffs installierten Zwölfzylinders und schliesslich ausgespuckt am Heck mit sonorem Trompeten aus vier hoch platzierten Auspuffrohren. Das Batmobil wirkt daneben wie ein Kuscheltier.
Einer Parabel gleich zieht sich die Dachlinie des gerade mal hüfthohen Boliden von den weit überhängenden Frontspitzen bis zum gerade abfallenden Heck. Ein kammartiges Rückgrat, das sich über die Fahrerkanzel und die Motorraumklappe hinzieht, Streben quer über den Seitenfenstern sowie abgesetzte Luftleitbleche hinter den ausgestellten hinteren Radhäusern komplettieren die fast schon intergalaktische Erscheinung. Es ist schlichtweg unmöglich, von dieser Sbarro-Kreation nicht in den Bann gezogen zu werden.
"Zwiebelhacker", "Langhaarschneider" oder schlicht "das hässlichste Auto aller Zeiten", lästern die einen. "Grossartig", "erfrischend anders", "ein wahres Highlight", schwärmen die andern. Einmal mehr hat es Auto-Skulpteur Franco Sbarro im vergangenen März am Genfer Autosalon geschafft, an seinem Stand wahre Massenaufläufe zu provozieren und die Meinung von Fachleuten und Publikum zu teilen wie weiland Moses das Meer. Es ist die bisher extremste Kreation, die er an seinem 38. Salon ausgestellt hat.
"Kann so was überhaupt fahren?", fragten sich viele. Und ob! Allerdings gilt es zuvor, den Flachmann zu entern. Ein versteckter Druckknopf im Dachkamm lässt ie ganze Fahrgastkanzel nach vorne aufschwingen. Danach darf man in den Tiefen der knallroten Schalensitze versinken. Kopf einziehen, Klappe zu. Nichts für Leute mit Platzangst hinter der fast horizontalen Frontscheibe. Der Designer verrät, dass die 50 Kilogramm schwere Kanzel das komplizierteste Bauteil des extravaganten Einzelstücks gewesen sei. Sie bedingt eine maximale Verwindungsfestigkeit, welche gleichermassen die Scharniere und den aus stählernen Vierkant- und Rundprofilen bestehenden Gitterrohrrahmen umfasst.
Ein kurzer Schlüsseldreh, gleich setzt ein zwölfzylindriges Orchester hinter den Sitzen zum Crescendo an. Bissig nimmt der Ferrari-V12 Gas an, schon hechtet der 1600 Kilo schwere Flachmann nach vorne, bevor er mit minimaler Seitenneigung und brettharter Federung durch die nächste Kurve fräst. Bloss das Getriebe ist noch kalt, nur widerwillig lässt sich der chromglänzende Schalthebel durch die offene Sechsgang-Kulisse stemmen. Ja, dieses Getriebe aus dem Ferrari F50 ist ein Wunderwerk der Sportwagentechnik.
Wassergekühlt, mit eigener Druckumlaufschmierung und verblockt mit dem zum Motor hin orientierten Sperrdifferenzial. Sbarro entdeckte es 2008 anlässlich des Besuchs bei seinem Freund Fredy Lienhard. Der Inhaber der Büroeinrichtungsfirma Lista Office und Sieger des 24-Stunden-Rennens von Daytona 2002 hatte schon früher Sbarro-Kreationen wie den Helios oder den nach Lista Office benannten LO GT erworben und zögerte nicht: "Bau mir doch ein Auto darum herum!"
Das liess sich der gebürtige Süditaliener, der sich in den 60er-Jahren vom Rennleiter der Scuderia Filipinetti als Autodidakt zum Fahrzeugkonstrukteur emporgearbeitet und vor allem mit seinen Replicas von Ford GT 40, Lola T70 und Ferrari P4 für Furore gesorgt hatte, nicht zweimal sagen. Flugs kombinierte er in seiner Werkstätte in Grandson das F50-Getriebe mit einem durchzugsstarken 5,5-Liter-Motor aus dem Ferrari 550 Maranello zu einer zentralen, mittragenden Antriebseinheit und modellierte darüber diese atemberaubend bizarre Karosserie aus Polyester-Verbundwerkstoff.
Die muss keine Crashtests erfüllen, keine Abgasnormen oder CO₂-Grenzwerte. Auch Manövrieren steht nicht im Pflichtenheft des fünf Meter langen Boliden ohne Servolenkung und mit dem Blick zurück nur via Dachkamera. Es ist eine Hommage an die 40-jährige Rennkarriere von Fredy Lienhard inklusive der Affinität zu Le-Mans-Prototypen, die der frankophone Sbarro als "esthétique de course" bezeichnet. In der Tat liegt die Gewichtsverteilung bei idealen 50:50 Prozent, und die imposanten, zu rückwärtigen Kühlern führenden Luftkanäle sollen zusammen mit dem flachen Unterboden Abtrieb erzeugen.
Rund 11.000 Arbeitsstunden stecken in dem extravaganten Unikat, das pünktlich zum Genfer Salon 2010 fertig wurde. Selbst Auftraggeber Lienhard sah erst dort auf dem Sbarro-Stand, was da um sein F50-Getriebe herum entstanden war und getauft auf den Namen Création Autobau die Zuschauer reihenweise verblüffte.
Im Autobau, dem von Fredy Lienhard 2009 gegründeten Romanshorner Mu-seum, ist der von Franco Sbarro handsignierte Mittelmotor-Bolide jetzt zu bewundern, wenn er nicht gerade auf Tournee ist wie jüngst bei der Essener Motor Show. Dazwischen kriegt er dann und wann Auslauf auf dem museumseigenen Circuit. Das reicht dem spektakulären Einzelstück zwar nicht für die vom Erbauer auf weit über Tempo 300 geschätzte Höchstgeschwindigkeit, aber doch, um mit apokalyptischer Optik und hinreissendem Zwölfzylinder-Sound die anwesenden Schaulustigen aus den Socken zu hauen.




