Die Geschichte der berühmten Saurer-Nutzfahrzeuge aus Arbon fängt 1869 an - mit Stickmaschinen. Die industrielle Textilindustrie boomt, der Maschinenbedarf ist gewaltig. Knapp 30 Jahre später kommt die nächste technische Revolution, der Automobilbau: Saurer steigt 1896 ein, konzentriert sich aber sehr schnell allein auf Lastwagen und Busse. Bis es sich nicht mehr lohnt, bis 1983.
Fast 90 Jahre dauerte der Motorfahrzeugbau am Bodensee, eine lange Zeit für einen Schweizer Hersteller. Eine Geschichte, die nicht in Vergessenheit geraten sollte. Dafür kämpft der «OCS Oldtimer Club Saurer», der im Mai 2010 ein neues Museum am ehemaligen Firmensitz des Unternehmens eröffnete.
Beschaulicher Ort
Schon die Anfahrt zum Museum durch verwinkelte Gässchen hinunter zur Seepromenade, nach dem Firmengründer Adolph-Saurer-Quai genannt, lässt erahnen, dass hier einst Industrialisierung und Wohlstand herrschte. Dank der Leinwand- und Stickindustrie mit Saurer als wichtigstem Arbeitgeber, wuchs die Gemeinde von knapp 700 im Jahr 1844 um die Jahrhundertwende auf mehr als 10 000 Einwohner. Heute rollen keine Lastwagen und Busse mehr vom Band. Die Saurer AG ist unter der Obhut der OC Oerlikon wieder auf Stickereimaschinen spezialisiert.
Einer Gruppe von Enthusiasten unter Club-Präsident Ruedi Baer ist es zu verdanken, dass es heute ein ansehnliches «Saurer-Museum» gibt. Davor waren die Fahrzeuge in einer Einstellhalle lieblos untergebracht. Nur dank grosser Unterstützung der Oerlikon Saurer, Kanton, Stadt und Privaten konnte das neue Museum realisiert werden. «Zig Stunden haben wir investiert, nur um den alten Holzpflaster-Fabrikboden zu legen», erzählt Ruedi Baer stolz. Der Boden riecht immer noch nach Maschinenöl und schweren Motoren. Das Museum ist jetzt in der alten Saurer-Metallhalle untergebracht, dazu gehört das Restaurant/Hotel «Wunderbar», das in der ehemaligen Fabrikkantine entstand. Dort hängen sogar noch alte Arbeitskleider herum, hier stimmt man sich aufs Thema ein. In dem charmanten Restaurant gibt es die Eintritts-Tickets.
Sticken, fahren und weben
Der Rundgang durch die Saurer-Geschichte beginnt mit einer Stickereimaschine von 1860. Weitere Textilmaschinen zeigen die Entwicklung bis 1923, als die Maschinen dank Lochstreifen ohne Arbeiter automatisch stickten.
Der Geschichte nach entwickelte Adolph Saurer um 1896 sein erstes Automobil, ein Doppel-Phaeton mit einem 1-Zylinder-Gegenkolben-Motor. Doch Autos waren damals eine teure Angelegenheit, und Saurer kam schnell zu dem Schluss, dass Personenwagen nur etwas für Reiche sind. In Nutzfahrzeugen sah er die wahren «Volks-Wagen». So konzentrierte er sich auf Lastwagen und Autobusse
mit Erfolg.
Im Museum stehen um die 15 Fahrzeuge wie Postautos, Last- und Militärfahrzeuge. Eines der ältesten ist ein AD-Tankwagen von 1923 mit Benzinmotor und Holzrädern. Fast so alt ist der 5ADD von 1929 mit dem ersten Dieselmotor: 6,84 Liter Hubraum und 50 PS. Ein Highlight ist für viele Besucher der Laster der Brauerei Schützengarten von 1934: 4500 Kilo Nutzlast, das waren damals recht viele Flaschen Bier.
Fundsache aus Brasilien
Noch älter als der Tankwagen ist der Caminhao von 1911. Ein Reporter stiess 2003 in Brasilien auf den alten Transporter. Der Zuckerrohr-Bauer trennte sich nach hartnäckigem Bitten des OCS von seinem Saurer. Denn der Club kauft keine Fahrzeuge an, sondern lässt sie sich sponsern. Und so steht der Caminhao jetzt nach einer abenteuerlichen Reise wieder an seiner Geburtsstätte. Zurzeit wird er restauriert, irgendwann soll er wieder auf die Strasse kommen.
Damit jeder Saurer jederzeit rollen kann, helfen dem OCS freiwillige Mechaniker mit Spezialkenntnissen und sorgen für permanente Betriebsbereitschaft. Entsprechend lassen sich Gruppenausflüge in einem alten Saurer buchen.
Das Museum ist wie ein Schnappschuss aus einer anderen Zeit. Ein Spiegel der Zeit, als die bollernden Laster erst die Schweiz und dann die Welt mobil machten. Obwohl die Produktion vor fast 30 Jahren endete, ist die Leidenschaft für die «Saurer» hier nie erloschen. Das macht dieses Museum lebendiger als mancher Showroom.
Infos und Anfahrt hier.










