Heute gibt’s grosses Kino mit Schalensitz, sattem Sound, Full-3D und krassen Fliehkräften. Zumindest, wenn man Ken Block heisst und den heissesten Ford Fiesta des Planeten pilotiert. Auf dem Irwindale Speedtrack nahe Los Angeles gab der Dompteur für einmal das Steuer aus der Hand des Strassenfegers, der die Hauptrolle im millionenfach angeklickten Youtube-Video "Gymkhana 3" spielt: ein 650 PS starke Ford Fiesta mit Allrad.
Also rauf mit dem Helm und rein in das durch den riesigen Getriebetunnel beengte Cockpit. Auf dem Programm steht ein Blockbuster der Extraklasse. Anschnallen, festzurren, durchatmen. Zündung an. Als Willkommensgruss steht im Display: "Maximum Attack" – danke dafür. Ein Schalthebel fehlt. Auf dem Getriebetunnel thront nur Kens ultimative Lenkhilfe: der aus dem Vollen gefräste Handbremsstock mit seiner magischen Nummer 43.
Jetzt ist Koordination gefragt. Auf dem linken Bedienpaneel ist das Drehzahllimit vorgewählt. Mit Puls 170 schnippt die rechte Hand mittels Schaltwippe den ersten Gang ein. Der Daumen der Linken tänzelt zum roten Knopf für die Launch Control genannte Startautomatik. Beim Gasgeben ertönt das Brachialstakkato des brüllenden Zweiliter-Turbomotors.
Extrem und ohne Reglement
Binnen zweieinhalb Sekunden katapultieren wir uns auf Tempo 100. "Mit Slicks geht das innerhalb von 1,9 Sekunden", sagt Block und strahlt. Schliesslich ist die Geartronic des magnesiumummantelten Sechsganggetriebs nur eins der Geheimnisse dieses Spielmobils.
Dessen Zutaten sind fein abgemischt. Schon die Optik des Fiesta ist beeindruckend. Treffsicherer kann man ein "Monster"-Mobil kaum lackieren. Im Gegensatz zu den dreitürigen WRC-Brüdern basiert der Renner auf dem Fünftürer, den Ex-Rallye-Weltmeister Marcus Grönholm 2009 den Pikes Peak hochjagte.
"In Amerika wird der Fiesta nur in dieser Version angeboten", erklärt Andreas Eriksson, der für den Aufbau von Blocks Fahrmaschine verantwortlich ist. Und bei der ist vieles nicht mehr so, wie es mal war.
Satte drei Zentimeter breiter ist das Chassis. Die Radhäuser haben jeweils um einen guten Zentimeter zugelegt. Die Karbon-Motorhaube ist eine Spe-
zialanfertigung: "Ich wollte etwas Besonderes", sagt Block, "etwas aggressiver, mehr Gymkhana eben." Gymkhana nennt sich der populäre Geschicklichkeitssport, bei dem man vor allem im Drift möglichst schnell Hindernisse umfahren muss.
"Es ist ein extremes Auto mit extremer Technik, wir müssen schliesslich kein Reglement einhalten", erklärt Block. "Deshalb ist dies auch der einzige Fiesta mit einem Dach aus Karbon. Es ist ein Spassauto, bei dem man Hightech sehen und spüren soll." Wie wahr.
Motorsteuerung per Laptop
Derweil stürmen wir in Richtung Wendemarke. Das modifizierte Zweiliter-Duratec-R-Triebwerk liefert 650 PS an beide Achsen. Aktuell sorgt ein Garrett-WRC- T30-Supercharger für 4,1 Bar Druck. "Mit grösserem Turbo sind auch 900 PS drin", erklärt Eriksson, als er per Laptop ein Motorenprogramm abspielt. Je nach Temperatur oder Luftdruck bestimmt er Drehzahllimits für Launch Control, Schaltzeitpunkt, Begrenzung.
Ein Zug am Handbremshebel, und wir drehen uns ein. Ab jetzt schauen wir durch die Seitenscheibe. Alles im grünen Bereich. Selbst im Halbmeilen-Oval lässt sich eine komplette Kurve quer fahren. "Du darfst alles machen, nur nicht die Kontrolle abgeben. Sobald das Auto anfängt, mit dir zu fahren, ist es vorbei", betont Block. "Wenn du aber Eier hast, folgt dir der Fiesta aufs Wort. Du turnst über den Asphalt."
Das Handling ist erstaunlich. Kein Wunder: Die Gewichtsverteilung vorne/hinten ist 50:50 verteilt, der Schwerpunkt liegt extrem tief. Zudem besitzt das schwarz-grün-weisse Monster per Knopfdruck verstellbare Öhlins-Dämpfer. Beim Sturm ins Infield warnt Block: "Wichtig ist, sauber runterzuschalten und der Antriebseinheit etwas Zeit zu geben." Verständlich – gewaltige 990 Newtonmeter wollen durch Getriebe und Differenziale gestemmt werden.
Wo Feuer ist, da ist auch Rauch. Im zweiten und dritten Gang drehen wir Donuts und arbeiten die 19-Zöller zügig auf. Die Sicht geht gegen null. Durch die Nebelschwaden erblicken wir verzückte Zaungäste und erfreuen uns an der Lichtstärke der Drehzahlband-Leuchtdioden.
Längst hat sich nicht nur der Geruch des Gummiabriebs ins Cockpit vorgearbeitet; eine dicke weisse Wolke hat sich im Auto breitgemacht. Spätestens jetzt sollte der Gastfahrer die Lenkung öffnen und sein Heil in der Flucht nach vorne suchen. Denn eines wurde in Blocks Bastard noch nicht eingebaut: ein Nachtsichtgerät.
| Preis (Einzelstück) ca. | Fr. 600.000 |
|---|---|
| Zylinder/Hubraum | R4/2050 cm³ |
| Leistung | 478 kW/650 PS bei 5500/min |
| Drehmoment | 990 Nm bei 2800/min |
| Antrieb | Allrad |
| 0 bis 100 km/h | 1,9–2,5 s |
| Spitze | bis 245 km/h |
| Norm-Mix | (MVEG) ca. 100 l/100 km, Benzin |
| (MVEG) ca. 100 l/100 km, Benzin | ca. 2320 g/km/ |
| Länge/Breite/Höhe | 395/174/146 cm |
| MOTOR | |
| Bohrung x Hub | 87,5 x 83,1 mm |
| Verdichtung | 10:1 |
| Nockenwellen | 2 (Kette) |
| Ventile/Trieb | 16/var. Ein-/Auslass |
| Motorkonzept | Turbo |
| Getriebe/Gangzahl | manuell/6 |
| FAHRWERK | |
| Aufhängung v./hi. | Federbeine, verstellbare Stabi, Querlenker, verstellbare Dämpfer (Ölins) |
| Bremsen | 4 Scheiben (v./h. i. bel.) |
| Lenkung | elektromechanische Servo |
| Bereifung | 265/35 R 18 |
| KAROSSERIE | |
| Türen/Plätze | 5/2/N.N. |
| Radstand | 258 cm |
| Tank (2) | 21 und 45 Liter |
| Gewicht/Zuladung | ca. 1100/– kg |
| Leistungsgewicht | 1,7 kg/PS |




