100 Jahre Emily: Happy Birthday, Emily

Emily

Die Rolls-Royce-Ikone wird 100 Jahre alt. Hergestellt wird die kleine Göttin in einem südenglischen Hinterhof. Ein ai-Geburtstagsbesuch.

Sie ist wohl das berühmteste Bauteil an einem Fahrzeug überhaupt. Wer nur schon das Wort Kühlerfigur hört, denkt unweigerlich an die fliegende Lady, die kleine Göttin mit dem eleganten Gewand und den nach hinten geöffneten Flügeln. Vor 100 Jahren wurde sie erstmals für einen Rolls-Royce angefertigt. Und heute ist ein RR ohne "Emily" wie London ohne Big Ben – einfach undenkbar.

Doch das Wahrzeichen der Nobelmarke wird nicht etwa am Hauptsitz im südenglischen Goodwood gefertigt, sondern rund 50 Kilometer weiter westlich, in einer kleinen Giesserei nahe Southampton. In einem schlichten Hinterhofgebäude befindet sich Emilys Geburtsstätte. Ein Bau ganz im Stil kleiner britischer Manufakturen, die weder mit verchromtem Firmenschild noch mit edler Kieswegvorfahrt protzen. Keine Spur von Kühlerfigur oder Rolls-Royce-Logo.

Stattdessen Backsteinbau und morsche Dachholmen. Understatement der feinen englischen Art. Die Firma Polycast ergatterte vor acht Jahren den begehrten Produktionsauftrag, als es BMW als neuem Eigner des Luxusherstellers darum ging, der britischen Ikone durch feinere Gestaltung und höheren Qualitätsanspruch frisches Leben einzuhauchen. Um der «Flying Lady» die ursprünglichen feinen Gesichtszüge und Raffungen des wehenden Stoffes zurückzugeben, sollte das Verfahren der verlorenen Wachsform wieder angewendet werden. So, wie Emily schon von 1911 bis 1950 gefertigt worden war.

Auf diese seltene Methode spezialisiert, stach Polycast eine ganze Reihe von Konkurrenzgiessereien aus der Gegend aus. Darunter auch solche, die bereits den springenden Jaguar oder das fliegende Bentley-B fertigen. "Die Wahl fiel auf uns, weil wir den höchsten Grad an Perfektion bieten", betont Liam Todd stolz. Der Technische Direktor von Polycast trägt keinen Frack und die zehn Mitarbeiter aus der Produktion keine weissen Handschuhe – doch alle tragen den alten englischen Stolz für eine fast schon königliche Aufgabe in sich.

Verlorene Form

Steve Allum ist der Erste, der Hand an eine neue Emily legen darf. Gerade entnimmt er sie als olivgrünen Wachsabdruck aus einer mehrteiligen Aluminiumform, nachdem er per Knopfdruck das exakt 75 Grad warme Wachs unter Druck in die Form eingespritzt hat. Entdeckt Allum nur die kleinste Luftblase im Wachsmodell, landet es als Ausschuss im Abfall. Die guten Figürchen dagegen dürfen im Wassereimer abkühlen.

"Liam ist der Einzige, der Emily das Bad bereiten darf", witzelt Todd. Pro Stunde schaffen es 28 Abdrücke ins kühlende Nass, anschliessend werden sie von Lynn Harding auf einem Grill aus dem gleichen Wachs angeschmolzen. Auf beiden Seiten dieses "Baumes" stehen je 15 fliegende Ladys. Dabei prüft Lynn erneut minutiös die Qualität der Abdrücke.
"Wenn sich in diesem Stadium Fehler an den Modellen einschleichen, werden sie unweigerlich im fertigen Guss nachgebildet – unbrauchbar", erklärt Technikdirektor Todd und führt uns zur nächsten Station im Nebenraum. Hier tränkt Garry Burton den Wachsbaum in Grundierungsflüssigkeit und hängt ihn kurz zum Trocknen auf. Anschliessend wird das Gebilde systematisch mit Sand beworfen und wieder in Flüssigkeit getränkt, um dann noch gröberem Sand ausgesetzt zu werden. Um das Wachs herum entsteht so eine mehr­lagige, äusserst robuste Schicht, die als endgültige Gussform dient.

Doch zunächst hat Ronald Parr die Aufgabe, die Wachsform im Autoklaven, einer Art Backofen, unter sechs Bar Hochdruck gnadenlos wieder herauszuschmelzen. Vorbei ist Emilys Wachsleben – sie endet als grüne Sauce in einer schmuddeligen Schale. Erst jetzt ist die Negativform parat für den Stahlguss, den Ronald und seine Kollegen dann in Angriff nehmen. Bei sehr genauen 1590 Grad läuft das flüssige Metall in die Form.

"All unsere Gussteile werden auf die gleiche Art hergestellt", erläutert Todd und zeigt dabei auf herumliegende Elemente von Formel-1-Auspuffrohren, die hier genauso diskret gefertigt werden wie die berühmte Rolls-Royce-Ikone. Auch die "Goodwood Plate", die Chassis-Plakette, die jedes Luxusmobil der Fahrzeugschmiede ziert, wird bei Polycast in 20 bis 30 Exemplaren pro Woche gegossen. Die  Fahrgestellnummern werden in Goodwood nachträglich in die Mulde der stählernen Plakette eingraviert.

Doch für das edle Objekt wäre gewöhnlicher Stahl zu profan. "Wir verwenden ANC22", erläutert Todd den Werkstoff. "Der ist noch robuster. Die elegante Lady hat eben einen rauen Kern." Und dann senkt er die Stimme und vertraut uns noch ein halbes Geheimnis an: "Dieses Jahr produzieren wir auf besonderen Wunsch 200 Emilys aus Silber, und 50 Stück werden sogar vergoldet."

Träumen erlaubt
Inzwischen lässt es Emily krachen. Während die Form abkühlt, knallt und knirscht es, wenn sich das Metall zusammenzieht. Dann greift Tony Tailor hinter der Halle zum Vorschlaghammer. Er schlägt die Form vom ausgekühlten Stahl ab, nur Scherben bleiben übrig – und natürlich der perfekte Abguss einer ganzen Armada fliegender Ladys. Um sie endgültig von ihrem groben Mantel zu befreien, werden die Metallgebilde mit Stahlkugeln abgestrahlt. Erst jetzt werden die Klone voneinander getrennt und landen eine nach der anderen bei Cynthia Davidson im Schleifraum.

"Cyndie ist die einzige Amerikanerin bei uns", verrät Liam Todd, "und sie träumt von ­einem Phantom Drophead Coupé." Es wird für alle Mitarbeiter ein Traum bleiben, wenn kein Lottogewinn dazwischenkommt. "Träumen ist erlaubt, solange die Arbeit nicht darunter leidet", betont Todd. Doch das ist unwahrscheinlich: "Wir sind stolz auf diesen Auftrag – der Spirit of Ecstasy herrscht in allen Köpfen." Dass alle eine Schweigeverpflichtung unterzeichnet haben, versteht sich.

Poliert wird Emily von einem Subunternehmen, und auch die fürs 100-Jahre-Jubiläum auf dem Figurenfuss angebrachte Gravur erledigt eine andere Firma. "Wir machen dann wieder die Endkontrolle und verpacken die Kühlerfiguren für den Transport nach Goodwood", erklärt Todd. Im schmucklosen Plastikcontainer reist eine Garnitur Emilys dann per Royal Mail zu Rolls-Royce.

Und am Ende sieht der Kühlerfigur keiner an, dass sie ein Wasser- und Grundierungsbad, Schmelze, Guss und Hammerschlag, Stahlkugeln und Feinschliff hinter sich hat. Geschaffen aus Feuer, Wasser, Erde und Luft: eine kleine Göttin für eine automobile Ewigkeit.

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Herbie Schmidt

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